I Ultra-Trail du Mont-Blanc 2011
(Erfahrungsbericht von Stefan Hentsch)
Eine Runde um das Mont-Blanc-Massiv in weniger als zwei Tagen
Am Freitag, 26.08.2011, stand ich nach etlichen Qualifikations- und Vorbereitungsläufen in Chamonix am Start eines der bedeutendsten Ultra-Bergläufe schlechthin. Es galt der Ausschreibung nach 166 Kilometer und 9500mH+ hinter sich zu bringen.Nachdem für die eigentliche Startzeit um 18.30 Uhr eine Unwetterwarnung mit Hagel, Schnee und orkanartigen Böen ausgegeben worden war, sah sich der Veranstalter gezwungen, den Start auf 23.30 Uhr zu verschieben. So standen schließlich kurz vor Mitternacht 2300 Läufer in strömendem Regen am Start des UTMB und fieberten dem Rennen entgegen. Nach Gänsehaut-verursachender Einheizphase und Animation, wurde das Abenteuer dann auch pünktlich gestartet.
Die ersten 8 Kilometer verliefen flach raus aus Chamonix nach Les Houches. Eine schier endlose Kette von Stirnlampenlichtern bahnte sich ihren Weg durch die verregnete Nacht. Die größte Schwierigkeit dabei war, nicht unter die „Räder“ der Läuferhorde zu kommen. Immer wieder stockte der Fluss, sodass es sehr lange Zeit in Anspruch nahm, irgendwie und unfallfrei sein Lauftempo zu finden.
Bei Kilometer 14 wurde dann der erste Berg (Le Delevret) und somit die ersten 900 Höhenmeter absolviert. Die restliche Nacht verlief eher schnell und unspektakulär mit mittleren Anstiegen. Am 27.08., endlich im Morgengrauen und mit freier Aussicht auf Natur und Umgebung, galt es, den ersten großen Gipfel mit 2440 Metern zu bewältigen. Innerhalb 10 Kilometer brachte man 1200mH+ hinter sich. Der Untergrund war durch den immer noch vorherrschenden Regen entsprechend rutschig, sodass ein zügiges und vor allem kräfteschonendes Vorankommen talwärts schlecht möglich war. Immer wieder siegte bei den Bergabpassagen die Schwerkraft und man landete bestenfalls nur auf dem Hosenboden.
Im Verlaufe des Samstagvormittags, immer noch bei Regen, erfolgte dann der vorausgesagte Temperatursturz. Auf den Gipfeln, die bis zur Mittagszeit noch vor mir lagen (Col de la Seigne, Arete du Mont Favre), herrschten Temperaturen um die 0°C. Einhergehend mit den immer noch vorhandenen Sturmböen lagen die gefühlten Temperaturen auf 2500 Metern bei, ich schätze etwa -5°C. Das positive hierbei war, dass der nasse Regen jetzt in trockener Schneeform quer kommend einen an der Nase kitzelte. Trotz dieser widrigen Witterungsbedingungen: ich befand mich in einer atemberaubend schönen Landschaft oberhalb der Baumgrenze. Der Anblick von Steinböcken, Steinadlern, Neuschnee im August und die zahlreichen alpinen Gipfel rings um mich herum entschädigten für vieles.
Nach weiteren drei Brocken (alle um die 2500 Meter hoch) und jetzt insgesamt 4500mH+, erreichte ich gegen 15.00 Uhr bei Kilometer 78 Courmayeur. Hier war nun in etwa die Hälfte der Strecke absolviert und Gelegenheit, sich eine kleine Pause zu gönnen. So war es zumindest geplant. Da in der dortigen Mehrzweckhalle auf Grund der Vielzahl an Läufern und Zuschauern, aber auf gut Deutsch gesagt, „die Hölle los“ und somit an eine Mütze voll erstem Schlaf nicht zu denken war, lief ich nach kurzem Aufenthalt weiter.
Erzählungen UTMB-erfahrener Läufer nach, begann ab Courmayeur der eindeutig schwierigere Teil der Strecke. Neben der nun deutlich spürbaren Müdigkeit, sollten im letzten Drittel der Strecke die „charmantesten“ Anstiege auf einen warten. Ich hatte also noch was vor mir.
Von Courmayeur weg ging es gleich wieder 900mH+ rauf auf das Refuge Bertone und Bonati und im Anschluss dann nochmals weiter hoch auf den Grand Col Ferret mit 2530 Metern. Inzwischen hatte auf die von mir mit Schrecken erwartete zweite Nacht eingesetzt. Das monotone Berganlaufen im Lichtkegel der Stirnlampe (dieser wirkte beinahe wie eine Hypnosehilfe) trug nicht gerade dazu bei, gut gegen die immer stärker werdende Müdigkeit anzukommen. Sekundenschlaf setzte mehrfach ein.
Die Nacht auf Sonntag überstanden, erreicht ich gegen Morgen nun nach 7000mH+ und 124 gelaufenen Kilometern Champex-Lac. Hier erfuhr ich über SMS (Handy war unter anderem Teil der Pflichtausrüstung) die Nachricht, dass Teile der restlichen Strecke auf Grund der vorangegangenen Unwetter, abgeändert wurden. Als Fußnote der SMS war noch vermerkt: 170 Kilometer, 9700mH+. Nett, oder?!
Die weitere Strecke verlief also über Martigniy und Trient nach Vallorcine, der letzten größeren Verpflegungsstation auf der Strecke. Auf diesem Weg stellten sich uns meiner Meinung nach, die zwei schwierigsten und steilsten Berge entgegen. Schier endlose Anstiege mit schätzungsweise 25-30% Steigung, bei nicht mehr ganz taufrischer Ober- und Unterschenkelmuskulatur: das hatte schon was.
Von Vallorcine (Kilometer 150) galt es, die letzten 20 Kilometer und den letzten großen Berg hinter sich zu bringen, noch einmal die traumhafte Landschaft zu genießen und sich auf den Zieleinlauf in Chamonix zu freuen.
Am Sonntag, gegen 18.30 Uhr, war es dann endlich so weit. Nach insgesamt 170 Kilometern und 9700mH+ erreicht ich den letzten Kilometer und somit das Stadtzentrum von Chamonix. Unzählige Zuschauer begleiteten die eintreffenden Finisher mit ohrenbetäubenden Anfeuerungen. Mit mehr als nur einer Gänsehaut und einem unbeschreiblichen Glücksgefühl, lief ich dem Zielbogen entgegen und freute mich tierrisch, dass ich diesen Lauf finishen konnte.
Fazit:
Seinem mythischen Ruf wird dieser Lauf in jeglicher Hinsicht gerecht. Die Organisation, die Zuschauer, die Helfer, die Verpflegung: nahezu perfekt. Die Landschaft, die Natur, die Anstrengung, das Gefühl beim Zieleinlauf: einfach unbeschreiblich. Kurz gesagt, ein Lauf zum Weiterempfehlen. Weitere Infos unter www.ultratrailmb.com
Aktualisiert (Sonntag, 04. September 2011 um 19:21 Uhr)







